Archiv der Kategorie 'Lyrik'

alte Hunde

Da zuckt dann plötzlich im Morgengrauen ein Kopf in die Höhe.
Schaut mich verschlafen und unsicher an.
Ich streichele sanft über seine Nase, seinen Kopf.
Er begreift, daß er auf seinem Sofa liegt und ich neben ihm sitze.
Grummelt wohlig, rollt sich wieder ein.
Ich werde immer neben ihm sitzen.
Immer.

Anti-Haiku (englisch):

I will beat that fucking smartphone that you’re permanently staring at out of your hands.
I’ll grab it and smash it right into your face.
Again and again and again and again.
Until either your fucking phone is broken into pieces
or your dumb empty face is covered with blood.

Weihnachtslied, chemisch gereinigt

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen -
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil‘ge Nacht -
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte recht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

    (Erich Kästner, 1927)

Die Welt vor meinem Fenster

Nur ein Gerücht..

Johann Wolfgang von Goethe befand sich in vornehmer Gesellschaft und wurde vom Sohn der Gastgeber wie folgt angesprochen:

„Hochverehrter Herr Geheimrat, auch wenn Sie Deutschlands Dichterfürst sind, möchte ich Ihnen dennoch die Wette anbieten, dass ich Ihnen zwei Wörter sagen kann, aus denen selbst Sie keinen Reim machen können.“

Goethe antwortete: “ Junger Mann, ich nehme diese Wette gerne an, nennen Sie mir die zwei Wörter.“

Der junge Mann antwortete: „Die zwei Wörter sind HAUSTÜRKLINGEL und MÄDCHENBUSEN.“

Nachdem Goethe sich einige Minuten zurückgezogen hatte, lieferte als Beweis dafür, dass er tatsächlich Deutschlands Dichterfürst sei, das folgende Gedicht:

Die Haustürklingel an der Wand,
der Mädchenbusen in der Hand
sind beides Dinge wohlverwandt.
Denn, wenn man beide leis‘ berührt,
man innen drinnen deutlich spürt,
dass unten draußen einer steht,
der sehnsuchtsvoll nach Einlass fleht…

Haiku?

Spät nachts dann sein Kopf in meinem Schoß
schnurrend, grummelnd

Die Last fällt ab von mir
ich muß nichts tun außer Ohren kraulen
er schenkt mir dafür ein Zuhause

Silvester

In ein paar Stunden stehen sie wieder alle
mitten in der Nacht auf der Strasse
und werfen sich gegenseitig Böller vor die Füße.

Wünschen sich und all den anderen in Reichweite
einen neuen Anfang ihres Lebens.
Wohlwissend daß das niemals mehr passieren wird.
Nicht passieren kann.

Dann werde ich wieder mal fest meinen Hund umarmen
um ihm die Angst zu nehmen.
Vor den Menschen. Ihren Geräuschen. Ihren Lichtern.

Es ist nicht unsere Welt

Winter-Einbruch

Eine unangenehme Arbeitswoche
in einem recht schlechten Lebensjahr
ein paar Flaschen Bier und etwas Schnaps

Mitten in der Nacht
hocke ich hinter der Küchentür
und spiele Verstecken mit meinem Hund

Draußen liegt der erste Schnee
mein Leben ist schön